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Taiwan ist mal wieder in den Weltnachrichten. Aus dem gleichen Grund wie vor vier Jahren. Damals wie heute ist der Grund die Präsidentschaftswahl. Eigentlich sind es aber gar nicht die Wahlen der Grund für den ganzen Trubel. Aber ich will ja die Geschichte nicht von hinten aufrollen... also, als erstes
Hallhihallo aus Taipei,
Am Samstag um 16:00 wird Taiwan zum nun zweiten Mal in seiner Geschichte seinen Präsidenten demokratisch gewählt haben. Und zwei Gründe gibt es, die diese Wahl ganz besonders interessant machen: Erstens wird auf jeden Fall ein neuer Präsident gewählt werden, denn der alte Präsident Lee Teng Hui kann nach seiner Wiederwahl 1996 entsprechend der Verfassung nicht erneut antreten. Und zweitens verspricht es spannend zu werden, es scheint ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den gemäßigten und den reformistischen Kräften zu geben. Wer ist denn nun dabei ?
Die 5 Kandidaten:
Nachname Lian, Vorname Chan: Jetziger Vizepräsident und altes Kuomintang-Mitglied (das ist die Staatspartei, die seit 1949 auf Taiwan regiert und deren Selbstbedienungsmentalität in den letzten Jahren viel Stoff für Kritik gegeben hat). Lien ist angeblich einer wenn nicht sogar der reichsten Politiker auf Taiwan und m.E. politisch ansonsten blass. Von vielen Taiwanesen wird stumpf gesagt, dass er dumm ist. Jedenfalls kann man objektiv feststellen, dass er kein Medienprofi ist.
Nachname Song, Vorname Cu Yu: Alter Kuomintang-Kader, der sich insbesondere durch seine Arbeit unter dem Noch-Präsidenten Lee einen Namen gemacht hat. Er ist aber aus der Partei ausgeschlossen worden, nachdem er sich als unabhängiger Kandidat auf die Präsidentschaft beworben hat. Außerdem ist er in einen sehr großen Finanzskandal verwickelt, in dem Staats- und Parteigelder in Millionenhöhe - angeblich auf Geheiß der Parteiführung - in Koffern, Plastiktüten oder auf anderen undurchsichtigen Wegen, auf Konten von verdienten Parteimitgliedern und -freunden (z.B. auch sich selbst), oder deren Kindern, Enkeln und anderen Verwandten geflossen sind. Betrachte ich im Vergleich dazu das, was zur Zeit in Deutschland an Wirbel um die CDU-Gelder gemacht wird, kann ich den Deutschen nur entgegenlachen, dass sie sich mal wieder viel zu ernst nehmen. Faszinierend ist dabei, dass die Chancen von Herrn Song trotz allem weiterhin aussichtsreich sind. Zur Erklärung kann ich nur sinngemäß das Zitat meiner Vermieterin anbringen: "Die haben doch alle Geld in die eigenen Taschen gewirtschaftet und all die Sachen gemacht. Also suche ich mir den besten unter den
schlechten raus."
Nachname Chen, Vorname Shui Bian: Mitglied der Oppositionspartei DPP, früherer Bürgermeister von Taipei. Er hat ein großes Wählerpotential unter den jüngeren Wählern und steht für einen Wende der Politik, sowohl innenpolitisch nach 51 Jahren Regierung durch eine Partei als auch außenpolitisch - dazu später mehr. Sein Wahlkampf ist durch Professionalität geprägt und sein Auftreten ist - was Dynamik und Medienverhalten angeht - dem neuen Typus von Politikern wie Blair oder Schröder ähnlich.
Nachname Xu, Vorname Xin Liang: alter Kuomintang-Kader, der nachdem er vor etwa 20 Jahren für ca. 10 Jahre vor Repressalien der Kuomintang in die Volksrepublik geflüchtet ist, nach seiner Rückkehr Präsident der DPP geworden ist und mittlerweile aber auch dort ausgeschlossen worden ist. Jetzt steht er der "Neuen Partei" nahe und tritt für einen sofortigen Beginn der Verhandlungen mit der VR für eine Wiedervereinigung entsprechend dem Vorbild Hong Kong ein. Aussichten: Völlig chancenlos.
Nachname Lee, Vorname Au: Prof. für Literatur, steht auch der "Neuen Partei" nahe und ist der wohl interessanteste und zugleich aber trotzdem ein völlig chancenloser Kandidat. Sinngemäß ist er nämlich nicht für eine bestimmte politische Richtung - abgesehen von einem sofortigen Beginn der Verhandlungen mit der VR für eine Wiedervereinigung - sondern einfach nur gegen die anderen Kandidaten. Wo andere sagen "Ich trete dafür ein, dass..." sagt er "Ich bin dagegen!" So verwundert es nicht, daß er nach eigener Aussage eigentlich gar nicht Präsident werden möchte. Durch seine rethorischen Fähigkeiten und treffende Kritik hat er dem ganzen Wahlkampf aber eine Würze gegeben, die darin gipfelt, dass viele Taiwanesen in meinem Umfeld ihn als Person schätzen, seine Kritik als treffend und richtig empfinden, und auf die Frage, ob sie ihn wählen würden, lachend mit einem Gesichtsausdruck, der Undenkbarkeit ausdrückt, "natürlich" ablehnen.
Und warum das ganze Gerede um Krieg ?
Soweit ich den Wahlkampf verstehe, steht die Innenpolitik weitgehend im Hintergrund. Lediglich dunkle Geschäfte und die verfilzten Strukturen der Kuomintang dringen manchmal in die Diskussionen. Überragendes Thema ist das Verhältnis zum Tiger auf der anderen Seite der "Straße von Taiwan", der VR China.
Die Kuomintang und auch der ehemalige Parteikader Herr Song stehen dabei für den sog. Status-Quo. Status-Quo bedeutet - grob gesagt -, dass, solange keine erhebliche Besserungen und Veränderungen auf der kommunistischen Seite geschehen - insbesondere was Demokratie angeht -, sich Taiwan auf der bisherigen Formel "Ein China, zwei Systeme" ausruht und auf absehbare Zeit keine Veränderung einleiten werden wird und auf lange Sicht in ferner Zukunft eine vielleicht mögliche Wiedervereinigung für möglich halten könnte würde wollte, wenn denn dann es sei denn usw. usw.
Im Gegensatz dazu ist die DPP mit Ihrem Kandidaten Chen Shui Bian aber als eine Art Unabhängigkeitspartei einzustufen, die, wenn sie an die Macht kommt, auf lange Sicht eben diese Unabhängigkeit anstreben will. Und das läuft selbstverständlich der VR China, die uneingeschränkte Kontrolle über Taiwan beansprucht (sie aber selbstredend nicht hat), zuwider. Und so setzt sich dann deren Ministerpräsident Zhu Rong Ji vor die versammelten Journalisten aus aller Welt und vergleicht die von Herrn Chen vertretene Politik mit der von Hitler und droht mit handfestem Krieg, wenn dieser gewählt werden sollte. Interessant dabei ist aber, dass Zhu Rong Ji im nächsten Satz Worte verwendet hat, die mich viel mehr an die Nazis erinnern (sinngemäß): "Wir werden chinesischen Boden bis zum letzten Blutstropfen verteidigen." Der geneigte Leser darf sich seine eigene Meinung bilden.
Wie die Sache hier ausgehen wird, ist nicht klar, zumindest bis Samstag 16 Uhr nicht. Wer morgen noch taiwanesische Aktien kaufen möchte, dem sei gesagt, dass er damit auf das Pferd der Kuomintang bzw. auf Herrn Song setzt, denn wenn die DPP gewinnt, dann wird aller Wahrscheinlichkeit ein dicker Krach ins Haus stehen. Und für mich persönlich gibt es auch eine ganz einfache Gleichung: Wenn Song oder Lien gewinnen, dann wird mein zweites halbes hier in Taipei genauso aufregend und langweilig werden, wie mein erstes Halbjahr. Wenn aber Chen gewinnt, dann stehen in jedem Fall sehr aufregende Zeiten ins Haus.
Schöne Grüße
von Euerem Christoph
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