Es ist faszinierend: Man stelle sich eine große Straße in Deutschland vor,
vielleicht 3 oder vier Spuren breit, voller Autos, Motorrollern und Fahrrädern. Ein Autofahrer benimmt sich wie der letzte Rowdy, er drängelt sich in jede Lücke, schneidet die Kurven oder drängt den Nachbarn ab, wenn er glaubt, an dessen Stelle schneller fahren zu können. Ein wildes Hupkonzert würde beginnen, alle Beteiligten sich gegenseitig laut beschimpfen und früher oder später, wenn wegen des ersten Unfalls alles steht, das ganze in einer Massenschlägerei enden.
Die gleiche Straße in Taipei, genauso viele Autos, vielleicht sogar ein paar mehr, mit Sicherheit mehr Motorroller und garantiert fast keine Fahrräder. Der gleiche Rowdy, das gleiche Hupkonzert. Würde man die Szene in einem Standbild betrachten, man würde
keinen Unterschied bemerken. Doch das System ist ein
anderes: Gehupt wird nicht, um dem anderen zu
sagen: "Du hast was falsch gemacht, pass bloß auf!" sondern um dem anderen höflich
mitzuteilen: "Vorsicht ich dräng´ dich jetzt ab" Dann wird auf Briefmarkenabstand rangefahren, und wenn der nicht will, dann
lässt er's einfach nicht zu, egal was der Lack dazu sagt. Keiner ist dem anderen böse, alle machen es ja so.
Die Art, von einer ganz kleinen Straße auf eine Hauptverkehrsstraße abzubiegen ist ganz einfach: Man fährt einfach! Und rote Ampeln sind egal, wenn keiner kommt oder gerade ein
bisschen Platz ist drückt man mal kräftig auf die Hupe ("Vorsicht, ich komme!") und los geht's!
Am Anfang hatte ich mich gewundert, warum die Anzahl der Todesopfer unter den Fahrradfahrern in den letzten Jahren fast gegen Null gesunken ist. Die Lösung ist ganz einfach: Mit dem Fahrrad zu fahren ist soooo lebensgefährlich,
dass es keiner mehr wagt. Und wer nicht mit dem Fahrrad fährt kann auch nicht umkommen...
Und die Moral der Geschicht´: Ich werde hier Auto fahren NICHT!