Reise in eine andere Welt

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Wir schreiben das Jahr 1999, den Monat November, dessen Ende - fe15_011.jpg (62154 Byte) jedenfalls nach westlicher Zeitrechung - steht vor der Tür. Ich habe mich entschlossen, endlich den Fuß in das Land zu setzten dessen Sprache ich jetzt seit geraumer Zeit lerne, und so bin ich dann am 23.11.99 bewaffnet mit dem Lonley Planet - der Überlebensbibel unter den Reiseführern - und einem ungebrochenen Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen gen Peking aufgebrochen. Was ist hängen geblieben ?

Zum  einen natürlich die lange und groß(artig)e Mauer, deren Einzigartigkeit ich nicht in Worten beschreiben kann. Und selbst Bilder können den Eindruck nur schwer wiedergeben, denn wie kann man das Gefühl von Unendlichkeit kombiniert mit historischer Bedeutung dieses überwältigendenden Bauwerks mit Hilfe einer kleinen Kamera bannen ?

Ganz anders die verbotene Stadt im Herzen von fe15_010.jpg (27850 Byte)Peking: Zu viele Touristen, dementsprechend zu viele Touristenabzocker (dazu später noch) und - abgesehen von der Größe des Areals und der wunderschönen chinesischen Architektur - ziemlich eintönig. Was da viel schöner war, war all' die Bekannten und Freunde wiederzutreffen, die ich durch meine Sprachkurse im Sinicum kennen gelernt habe. Die meisten studieren zur Zeit in Peking, ein paar machen ein Praktikum und einige habe das große Los gezogen, dort arbeiten zu dürfen - wobei die Frage offen bleiben sollte,  ob es wirklich so ein großes Los ist. Denn es gibt auch negative Seiten. Das, was mir dabei als äußerst unangenehm aufgefallen ist, sind die spezialisierten Ausländerabzocker. Wie der fe15_014.jpg (49933 Byte) Lonely Planet so schön schreibt: "Es ist war, Ausländer werden in vielen Teilen der Welt beschissen ('tschuldigung für die Wortwahl, aber ich übersetze nur...), aber der große Unterschied in China ist, dass es offizielle Politik ist." Für lange Zeit gab es nämlich für Ausländer eine eigene Währung und alle Preise für Ausländer hatten einen kleinen Aufschlag von 50% oder mehr. Soweit so gut, denn sehr wenig zuzüglich 50% ist immer noch wenig. Nun ist es aber so, dass offiziell diese Politik abgeschafft ist. Für die Einstellung von Teilen der Bevölkerung ist dies aber leider nicht der Fall, und so fängt man an, sich ständig auf der Hut zu befinden, nicht aus Unwissenheit das 5- oder gar 10-fache des üblichen zu bezahlen.
Was aber leider noch viel unangenehmer ist, sind die auf Touristenabzocke spezialisierten Händler, die mit gebrochenem Englisch versuchen, Ihre raubkopierten CDs, gefälschten Uhren oder andere Dinge loszuwerden und einem dabei nicht von der Seite weichen. Das klingt dann ungefähr so:

Händler: New CD, verry new CD. looki looki ?
Christoph (auf Chinesisch): Danke, brauch ich nicht.
Händler: Verry new, VCD, CD, DVD, verry new, looki looki ?
Christoph (auf Chinesisch): Brauch ich wirklich nicht!
Händler (auf Chinesisch, ungläubig): Ah, braucht er nicht.... (auf Englisch) really new, looki looki!
Christoph (auf Chinesisch): Ich brauche das nicht!! Hast Du verstanden, was ich sage ?
Händler (auf Chinesisch): Nein, ich verstehe nicht was Du sagst (auf Englisch) looki looki....

Und so geht das dann, wenn man Pech hat, noch Minuten weiter, Händler radebrechend am Rockzipfel, Christoph fast fliehend. Und so habe ich dann die bittere Erfahrung gemacht, dass ich mir, egal wie freundlich die Einstellung ist, die man gegenüber der Bevölkerung hat, ein Gehabe (ich sage extra nicht Verhalten!) angedeihen habe lassen, dass solche Erlebnisse auf ein Minimum reduziert. Ich habe angefangen, jedem zu misstrauen, angefangen, die Abzocker keines Wortes zu würdigen, sie sanft zur Seite zu stoßen, wenn sie sich einem in den Weg stellen und angefangen, um einen Kuai zu feilschen (was ungefähr 25 Pfennige sind) nur um sicher zu sein, dass man nicht wieder viel zuviel bezahlt hat. Und dann gibt es die Momente, wo man merkt, dass man jemandem Unrecht getan hat. Und man entschuldigt sich selbst damit, dass man ja zu dieser Verhaltensweise durch die Umwelt gezwungen wird... keine gute Ausgangsposition für einen unbeschwerten Aufenthalt. Aber irgendwann gewöhnt man sich dran, viele Dinge fangen einen an nur noch zu belustigen und mit der Zeit findet man sein Gehabe auch ganz OK, denn einem fällt auf, dass fast alle sich so benehmen. Das war für mich ungefähr die Zeit, zu der ich dann nach Shanghai abgefahren bin.

Und Shanghai lässt sich ganz einfach umschreiben: Shanghai ist eine andere Welt. fe15_003.jpg (68032 Byte) Die Menschen sind freundlicher, offener und höflicher, selbst die Abzocker benutzen die Worte "Danke", "Entschuldigung" oder "bitte"! Die Stadt hat noch relativ viel alte Bausubstanz aus Ihrer ersten Blühte in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts und sie hat Wolkenkratzer, beeindruckender Luxus der Neuzeit. In Beton, Stahl und Glas manifestierter fe15_007.jpg (31204 Byte) Ausdruck von Hoffnung auf eine boomende, chinesische Wirtschaft und eine bessere Zukunft, und alles auf Pump! Viele der Gebäude stehen komplett leer, bei einigen hat noch nicht einmal der Innenausbau stattgefunden, und wann bzw. ob er je stattfinden wird steht in den Sternen. Denn all diese Wolkenkratzer sind in der Hoffnung gebaut, dass China bald der WTO beitreten wird, dass dann die Märkte in China geöffnet werden (können), die Wirtschaft an zu brodeln fängt und dann viele Firmen Ihre Büros eröffnen möchten. Und dann braucht man Bürofläche... Meines Erachtens eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Ob sie aufgeht, wird sich zeigen.

Die schönste Erfahrung, die ich aber in Shanghai gemacht habe war, dass es sie doch noch gibt, die netten Menschen. Man muss nur weg von den Touristenvierteln, hin zu den alten chinesischen Wohnvierteln gehen, und sich dort mit den normalen Menschen unterhalten. Dann erlebt man Neugier, Gastfreundschaft und teilweise große Verwunderung, wenn eine Ausländer sich in diese Gegenden verirrt. Und das ist für mich einer der großen Unterschiede zwischen Taiwan und Shanghai: In Taiwan muss man nach diesen normalen, freundlichen Menschen nicht suchen.

created on ... 19.07.1999
updated on ... 21.10.2002
Chris©